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Betrachtet man die Marmolada, den größten Gletscher der Dolomiten, erwartet man wohl nicht, dort eine Stadt zu finden. Aber tatsächlich liegt dort die so genannte Eisstadt. Sie ist ein beeindruckender Komplex, der dort in den Tiefen des Eises liegt und aus einem Netz von Tunneln und Grotten von über 12 km Länge und mit einem Höhenunterschied von mehr als 1000 Meter besteht. Man läuft vom unteren Eingang bis zur höchstgelegenen Stellung auf 3.200 Meter etwa 3 ½ Stunden. Diese Struktur wurde von dem deutschen Ingenieur Leo Handl (Innsbruck 1887-1966) erbaut, der Kommandant der Österreichisch-Ungarischen Bergführerkompanie war. Die Eisstadt diente als Verbindung zwischen der Seilbahn des Col de Bous und den vorgeschobenen Stellungen Sass Dodici und Undici sowie Forcella a Vu.

Handl hatte die Eisstadt für jene Garnison geplant, die mit der Verteidigung der Marmolada gegenüber dem italienischen Fort Punta Serauta betraut war. Die Stadt sollte die 300 Soldaten vor Lawinen, schlechtem Wetter und vor dem feindlichen Feuer schützen. Während eines Erkundungsganges mit seiner Kompanie auf dem Marmolada-Gletscher hatte der Kommandant, von einem unerwarteten italienischen Feuerbeschuss überrascht, Schutz in einer engen Gletscherspalte gefunden. Dieses Ereignis brachte ihn auf die Idee, ein Netz von Stollen unter der Oberfläche anzulegen, um sich vor den Augen der Italiener zu verstecken, die vom Gipfel des Serauta den Gletscher unter Kontrolle hatten.

Das Leben unter Eis schützte die Soldaten vor den extremen Außentemperaturen, die bis zu 30° Grad unter Null erreichen konnten. In den Stollen hingegen hielt sich die Temperatur konstant bei +3° bis +5° Grad im Winter, im Sommer bei rund 0° Grad Celsius.

 

Anfänglich war der Widerstand gegen Handls Projekt immens. Besonders die Professoren Bruchner und Finsterwalder, wichtige Gletscherexperten aus München, sprachen sich einhellig gegen die Realisierung dieses Projektes aus. Sie machten sich vor allem um die Unvorhersehbarkeit der Gletscherbewegungen Sorgen. Um diesen Einwänden zu begegnen, hatte Handl die Idee, Markierungen aufzustellen, um die Veränderungen des Gletschers beobachten zu können. Er entdeckte so, dass der Gletscher im Winter nach unten abrutschte, während er sich im Sommer wieder in die Höhe zurückzog. Bald begannen daraufhin die Grabungen, mit denen man durchschnittlich sechs Meter am Tag vorrückte. Die vorhandenen Gletscherspalten begünstigten das Voranschreiten der Arbeiten, da sie als natürliche Grotten benutzt werden konnten. Allerdings stellte ihr unvorhersehbares Öffnen und Schließen eine konstante Gefahr dar.

 

Trotz aller Schwierigkeiten war im Frühjahr 1917 die Eisstadt fertig gestellt.

Einfach war in der Eisstadt die Konservierung von Lebensmitteln in Eiskellern, während Wasser direkt durch das Schmelzen von Schnee gewonnen wurde. Die Stollen und Höhlen wurden in der Regel durch Petroleum- oder Azetylenlampen erleuchtet. Für eine gewisse Zeit verfügte die Eisstadt sogar über elektrisches Licht. Der Strom wurde in einem Dampfkraftwerk in  Canazei produziert und in die Stadt geleitet. Dieses System wurde aber bald wieder aufgegeben, da entsprechende Glühlampen fehlten. Die Wege im Inneren der Eisstadt waren durch Pfähle und Pfeile, die mit phosphoreszierender Farbe aufgemalt wurden, gekennzeichnet. Jeder Zweig des Tunnelsystems trug außerdem den Namen eines berühmten Feldherrn oder einen spaßigen Namen.

 

Das Leben in der Stadt wies allerdings auch viele dunkle Seiten auf. Auch wenn die Stadt mit der Außenwelt durch ein geniales Lüftungssystem verbunden war, so zog der Rauch der Öfen, mit denen die Verschläge ausgestattet waren, nie vollständig ab, da er durch die extremen Außentemperaturen rasch abgekühlt wurde und wieder ins Innere zurückfiel. So war die Innenluft in den Grotten kaum zu atmen. Aber auch im Sommer bedeutete das Passieren der Stollen eine große Gefahr. Die hohe Feuchtigkeit ließ den Weg beschwerlich werden. Die Soldaten trugen, um nicht auszurutschen, Holzschuhe mit Nägeln und waren permanent von herabfallenden Eismassen bedroht. Darüber hinaus wurden die Verschläge und die Grotten andauernd verändert, um ein Zermalmen durch die langsame aber kontinuierliche Bewegung des Gletschers zu verhindern.

 

Nach dem Zusammenbruch der italienischen Front bei Caporetto wurde die Festung im November 1917 aufgegeben, da sich die Front nun von den Dolomiten an die Piave verschob. Die Festung existierte seit Anfang der 20er Jahre nicht mehr. Die Reste der beeindruckenden Anlage kamen erst Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts zum Vorschein, als der Gletscher aufgrund der globalen Erwärmung zu schmelzen begann.